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Dienstag, 13. Oktober 2015

Traum #1

Ich treffe meine ehemalige Affäre K. Zur Begrüßung will ich ihr routinemäßig an die Brust fassen. »Nicht! Ich bin schwanger«, antwortet sie. Ich halte kurz inne und gratuliere ihr überschwänglich; auf diese Weise bleibe ich interessant, denke ich. Dazu gehört auch, einmal den Bauch anzufassen. Da darf ich. Und ja, da boxt schon jemand. Wahnsinn. Plötzlich öffnet K. eine Schlinge, die etwas von ihrem Zentrum versetzt, etwa auf Höhe ihrer linken kurzen Rippe sitzt, und kramt nun den Fötus aus sich heraus. Einmal staunen alle und - zack - zurück in den Bauch. Schon klasse, was heute alles möglich ist, denke ich mir.

Dann bin ich auf einem Segelboot. Der heftige Wellengang macht einen sicheren Halt kaum möglich. Bei mir ist ein Mädchen, dem ich schon länger zu gefallen versuche. Eher rhetorisch frage ich sie, ob sie mir einen wirklich guten zeitgenössischen Roman empfehlen könne. Frantzens »Korrekturen« hätten mir ja gut getaugt. Da zieht sie ein sehr dünnes Buch von Ferdinand von Schirach hervor. Ich wehre ab: »Nee, von dem mag ich keinen Roman lesen.« Das Boot verwandelt sich teilweise in eine Buchhandlungsauslage. »Das hier wird aber sein letztes Werk sein. Wir haben ihn vor kurzem besucht. Die Krankheit ist weit fortgeschritten. Er ist orientierungslos. Wenn du ihn heute nach dem Treffen fragen würdest, hätte er bereits keine Erinnerung mehr daran. Der Abschied war bereits ein Abschied auf Dauer.« Das Buch sieht aus wie jedes Schirach-Cover. Grau. Eine rote »100« prangt in der Mitte. Meine Begleitung ist plötzlich ein weißhaariger Mann mit runder Brille und Mathelehrer-Outfit. Sein verwaschener blauer Hemdkragen wölbt sich nach außen. Ich ekel mich.

Montag, 30. März 2015

Weinkauf - oder die Last des klaren Blickes

Fabelhaft. So hieß er. Ich erinnere mich bis heute an den Tag, an dem ich die erste Flasche Wein mit der Intention kaufte, sie alleine zu trinken. In der Delikatessenabteilung im Kaufhof war das. Zwischen den Weinregalen ließ sich eine amerikanische Alleinerziehende in spe von einem Verkäufer beraten, der augenscheinlich hoffte, allein die Fettringe, die er sich um die Hüften geschnallt hatte, würden seine Weinkompetenz attestieren. Ich habe durchaus interessiert mitgefiebert, da aus seinem Mund derart viele Worthülsen auf den Boden klimperten, dass es mir im Ohr stach. Meine Aufmerksamkeit war geweckt, das Resultat, also ob der Fettwanst es schaffen würde, der Ami-Schnepfe einen geeigneten Wein anzudrehen, war absolut offen. Wäre ich in Begleitung gewesen, hätten meine kroatischen Kriminellengene glatt eine Wette angezettelt. Und ich hätte auf Fetti gesetzt. Alles. Nicht etwa, weil sich nun niemand wohler in so einem Verbalgewäsch fühlt als der gemeine Amerikaner, sondern weil die Dame ihm offenbar gar nicht zuhörte oder verstand. Es ist auch egal. Ich bin mir sicher, dass sie auch einem Weinhändler ohne Sprachbarriere nicht zuhören würde. Wozu auch? Schließlich basiert Weinkunde wie die Kunst zur Hälfte aus der subjektiven Einschätzung eines Rezipienten - und damit öffnen sich Tür und Tor allem Geschwätz. 

Vor vielen Jahren lief am Samstagabend, ich meine direkt vor »RTL Samstag Nacht«, die satirische Verbrauchersendung »Wie bitte?!«. Eine Produktion, der der Stempel »gut gemeint« in jeder Facette seines Ausdrucks steht. Geert Müller-Gerbes umringt von einem Haufen Laien- und Stadltheaterdarstellern, die mit piefiger Akkuratesse und der von Deutschen stets so peinlich unglaubwürdig gespielten On-Air-Empörung (siehe Olli Welke) unseriösen Firmen, Dienstleistern und Geschäften an den Karren pissten. Dort haben sie einmal das Gemälde, das zuvor ein Schimpanse gemalt hatte, unter die Sammlung eines Kunstmuseums gemischt, und sich anschließend beömmelt, wie sich die vermeintlichen Kunstkenner über Pinselführung, Texturen und Impetusspekulationen eines Affen ausließen. Einerseits ein gute Schlawinerei, die damals schon nicht neu war und bis heute nicht einzigartig blieb, andererseits steckt diesem Witz eben auch eine gehörige Portion Kunstfeindlichkeit und Denunziantencharme inne, die mich stets - und nicht nur in Bezug auf diese Sendung - eher abschreckten. Außerdem ist es gar kein Geheimnis, das ein Gros der ausgestellten zeitgenössischen Werke die Kreativität eines rumalbernden Affen eher selten übersteigt. 

Einen ähnlichen Versuch habe ich einige Jahre später nochmal im Fernsehen gesehen. Ich vermute, dass es sich um eine Folge »Stern TV« handelte, die damals vom noch nicht allzu verwirrten Günter Jauch präsentiert wurde. Ein findiger Reporter hatte sich dort einen Stand auf der Gastronomiemesse »Anuga« gemietet und Tetrapackwein unter den naseweißen Traubenconnaisseuren verkosten lassen. Das Ergebnis natürlich dasselbe. Worauf ich nun eigentlich hinaus wollte, ist, dass es weder bei dem dicken Weinhändler im Kaufhof noch in Pausengesprächen in der Oper oder in Filmfest-Q&A-Sessions um Thesen oder - man verzeihe mir das Wort - Inhalte geht. Kommunikation findet in diesen Fällen nur zu seiner selbst Willen und als Abgrenzung statt. Penner reden nicht mit Weinhändlern, Unterschichtler lassen sich nicht beraten, Unzivilisierte schauen kein Arthauskino, Andersbornierte diskutieren nicht die Unterschiede zwischen Makro- und Mikrospannungen im eben gesehenen Film und so weiter. Dahinter steckt der schlichte Dünkel hier »sein« zu dürfen, während man im Alltag die Idiotien der Kollegen und Passanten zu ertragen gezwungen ist. Obwohl oder gerade weil ich mich nun von der amerikanischen Kundin zur Staffage ihre Beratungsinszenierung degradiert sah, griff ich zu einer extra teuren Variante besagten Weins und musterte die Flasche so als hätte ich meine Lesebrille vergessen. Ich sehe zwar eigentlich gut, konnte mich aber des Eindrucks nie erwehren, dass ein kräftiges Augenzusammenkneifen und ein der Kurzsichtigkeit geschuldetes Mitten-ins-Gesicht-halten der Flasche von irgendwie gearteter Sachkenntnis zeugte, sodass ich mich mit diesem Gebaren aus der Instrumentalisierung der Amerikanerin löste. 


Meine Wette hätte ich übrigens gewonnen. Natürlich hat sie sich einen Wein aufschwatzen lassen. So dachte ich zumindest, bis mich ihr eindeutiger Akzent an der Kassenformation erneut aufhorchen ließ. Sie stand an einem Band weiter als ich, dennoch konnte ich gut beobachten, welche Waren ihre Kassiererin über den Scanner jagte. Die angedrehte Flasche war nicht dabei, stattdessen piepte nur der Wein über die Lichtschranke, den sie von Anfang an im Warenkorb hatte und den sie vermutlich seit über zwanzig Jahren schon trank. Den anderen hatte sie meiner Annahme nach zusammen mit einer Safrankartusche, einem Stück Seeteufel und anderen Luxusspeisen heimlich in der Speiseeistruhe versteckt, wo sie sich nun dem Spott eines Ed von Schleck ergeben mussten, unter dem solche Waren allfeierabendlich vom Reinigungspersonal herausgefischt und anschließend entsorgt wurden. Ich fühlte mich jedenfalls in meiner Entscheidung Alkoholiker zu werden, bestätigt, und machte mich schnell nach Hause, meinen ersten Solosuff mit der Flasche Fabelhaft zu absolvieren.

Montag, 5. Januar 2015

Der Mann, der immer lachte

     Da steht ein Mann vor meinem Fenster. Und der lacht immer. Es ist so ein aufgesetztes Lachen. So lacht man nicht, wenn man alleine ist. Er weiß, dass jemand sein Lachen hört. Hoffentlich gilt es nicht mir. Dann wiederum: warum sollte es? Vielleicht hat der Mann sich ja bloß verlaufen und es gefällt ihm hier - vor meinem Fenster. Vielleicht lacht er auch gar nicht, es ist ihm bloß übel, oder er muss mal, wer weiß das schon. Übers Geräusch andrer Leut' mag ich nicht urteilen. Ich könnte ja ins Gelächter einsteigen, unter Umständen verstehen wir uns ja sogar. Überhaupt wird's ja schwierig mit dem Freunde finden im Alter, warum also nicht die Gelegenheit beim Schopfe packen? Wenn ich mir da einen Schlimmfinger in Häusle hole, dann guck ich natürlich dumm aus der Wäsche. Was wohl die Nachbarn denken? Vielleicht kennen sie den Mann bereits und können mir Tipps für ein weiteres Vorgehen geben? Wie war Immys Nummer noch gleich? Ns...Zwo..Vie...Eins...Fünf........Sechs. Ja, Sechs. 
»Schmadtzen?«
»Immy? Immy, du da steht ein Mann vor meinem Haus und der lacht die ganze Zeit.«
»Warum lacht er dann?«
»Na, das weiß ich ja gerade nicht.«
»Warum interessiert es dich dann?
»Na erstmal, weil er vor meinem Fenster steht. Das genügt doch?«
»Und du kennst den nicht?«
»Immy, ich habe ihn mir nicht angeschaut, ich fürchte mich ja irgendwie.«
»Soll ich mal rüber kommen?«
»Du, wenn du unbedingt willst...«
     Klick. Ist natürlich irgendwie verantwortungslos, Immy da als Köder zu dem Lachsack zu scheuchen, andererseits wollte sie es ja so und in aller Regel nerven mich meine Nachbarn eh gewaltig. 
Klopfklopf. 
»Ja, wer ist da?«
»Ich bin's Immy. Du, hier draußen ist gar niemand.«
»Wirklich nicht? Ich habe mir das doch nicht eingebildet.«
»Hmpf.«
»Was meinst du mit ›Hmpf‹?«
»Grynml!«
»Bitte?«
»Bolalala....KAKAKAKAKAKAKAKAKAKKAKAKA...pfffffffssssstrrrnelllsaaaaääääääh!
»Was? Puff? Immy, was ist los?«
»Hahaha. Hahahahahaha. Haaaaaaaahahahahahahahaaa.«
  Das war nicht Immy. Das war der Mann, der vor meinem Fenster stand und immer lachte. Wie ich hinterher auf dem Band der Überwachungskamera sehen konnte, hat der Mann Immy innerhalb weniger Sekunden zu einer Art Fleischgrütze verarbeitet. Es tut mir schon Leid für Immy, aber wie ich schon sagte, manchmal nervte sie auch mit ihrem altruistischen Gebaren. Und Kinder hatte sie auch keine. Und ein wenig doof war sie auch. Sie hatte sich beispielsweise nie für ihren Spitznamen geschämt. Das ist sicherlich kein Grund, einen Brei aus der Immy zu machen, aber sagen wir mal so, die Spezies Mensch hat schon größere Verluste bedauert. Was der Immy gar nicht in den Kopf gegangen wäre, ist, dass ich jetzt mit dem Mann der vor meinem Fenster stand und immer lachte, zusammen auf der Couch sitze und wir uns das Video immer und immer wieder anschauen. Ich lache dabei, der Mann lacht nicht mehr. Soll das einer verstehen?



Dienstag, 16. Dezember 2014

Prämium-Punk Campino!

Eigentlich hatten Sie ja gar keinen Bock auf diesen ganzen Band-Aid-Wahnsinn und das Lied »Do They Know It´s Christmas?« finden Sie auch irgendwie doof, das haben Sie zuletzt so ziemlich jedem Medium, das nicht danach fragte, mitgeteilt. Besonders nervig soll es für Sie gewesen sein, Künstler aufzutreiben, die Lust auf so eine Charitynummer hatten, denn Ihrem Dünkel nach halten die meisten Musiker so ein Engagement für »uncool«. Und kamen Sie zu der logischen Schlußfolgerung, daß all diejenigen, die Ihnen abgesagten, von der Angst als »uncool« abgestempelt zu werden, getrieben waren. Gründe der Ethik oder ähnlicher Bagatellen zogen Sie richtigerweise gar nicht erst in Betracht und bezeichneten die Kollegenschweine, wie Spiegel online berichtete, folgerichtig als »Fotzen«. Als ein Moderator des Radiosenders 1Live es schließlich auch noch wagte, eine »dusselige Frage« danach zu stellen, ob es möglich wäre, den Weg des eingespielten Geldes nachzuvollziehen - fuhren Sie endgültig aus Ihrer extradünnen Tintenhaut: »Wo das Geld hingeht in den Ebola-Gebieten, das kannst du dann verteilen, wenn Du weißt, um wie viel es geht. Das muß auch jedem normalen Stußkopf klar sein: Wenn ich nur hundert Euro habe, dann werde ich die hundert Euro sinnvoll verteilen. Falls da eine Million zustande kommt, wird das Geld wahrscheinlich woanders hingehen.« Richtig, zum Beispiel in Ihre Brieftasche. Aber das wußte doch bereits,

Ihr Stußkopf vom
Aleksandarplatz

Freitag, 12. Dezember 2014

Grönemeyer, unser aller Schnulzenaugust!

Mensch, mussten wir lange auf ein frisches Album warten. Über drei Jahre ohne schiefe Bilder oder Zweckreime - da konnte einem schon die Semantik im Kopf durchgehen. Doch nun haben Sie ja Abhilfe geschafft! In der Berliner Springer- und Arschlochkantine »Grill Royal« stellten Sie nämlich nicht nur Ihr neuestes Werk »Dauernd jetzt« vor, sondern gaben darüber hinaus noch andere praktische Lebensweisen. So warnten Sie etwa davor, daß das Internet Jugendliche zu sehr zum Exhibitionismus verleite. Aber keine Angst, Herbie! Solange noch Pop-Proleten wie Sie durchs Radio dudeln und dort dem eigenen Geldbeutel zuliebe intimste Belange wie den Tod der eigenen Frau veräußern, wird Ihnen das Internet in diesen Dingen sicherlich nicht den Schneid abkaufen.

Ihr Fallschirm und Rettungsboot:
Ah Jott

Donnerstag, 11. Dezember 2014

88 Fragen an...Adolf Hitler

1. Charlie Chaplin oder Bruno Ganz?
2. Leberwurst oder Hummus?
3. Tapete oder Schwammtechnik?
4. Gottschalk oder Lanz?
5. Obama oder Putin?
6. Trocken- oder Nassrasierer?
7. Ist rechts immer dort, wo der Daumen links ist?
8. Sind sie der unbeliebteste österreichische Politiker nach Arnold Schwarzenegger?
9. Kennen Sie einen schlechten Hitler-Witz?
10. »Blondie«: Doch'n bißchen schwul?
11. Mit nur einem Hoden - springt man da beim Sackhüpfen im Kreis?
12. Ist Hass nicht eigentlich forcierte Liebe?
13. Wann haben Sie das letzte Mal geweint?
14. Bartwixe: Komisch, was?
15. Sind Österreicher die besseren Deutschen?
16. Was zeichnet eine gute Führungskraft aus?
17. Was ärgert Sie mehr: Merkels Kanzlerschaft oder Castorffs Ring-Inszenierung?
18. Ist Heino ein Nazi?
19. Markiert »Studio Friedman« den Untergang des Abendlandes?
20. Wieso eigentlich Frankreich?
21. Führt Macht in die Einsamkeit?
22. Sind Sie eitel?
23. Beim Friseur: Plaudern oder Schweigen?
24. Machen Sie blaue Augen sentimental?
25. Ist Eva Herrmann die bessere Eva?
26. Besitzen Sie eine Platte des »singenden Dachdeckers« Ernst Neger?
27. Ist Weltfrieden eine Schwulenfantasie?
28. Kann Euthanasie die prekäre Parkplatzsituation in deutschen Großstädten lösen?
29. Nervt Sie die Nummer mit der Autobahn manchmal?
30. Ihnen sind wohl alle Mittel recht, wie?
31. Fangfrage: Was hat Joachim Gauck, was Sie nicht haben?
32. Würden Sie im Nachhinein alles nochmal genau so machen?
33. War der Zweite Weltkrieg bloß ein Versehen?
34. Guido Knopp macht Schluß - traurig?
35. Schon mal in einem Puff gewesen?
36. Haben Sie in der Kirche schon mal richtig herzlich lachen müssen?
37. Betreiben die Juden »Victim-Blaming«?
38. Taugen Sie zum Schwulenidol?
39. Ist der Tod ein Meister aus Deutschland?
40. Würden Sie sich als Self-Made-Man betiteln?
41. Ist Ihnen die NPD auch so furchtbar unangenehm?
42. Gehört der Islam zu Deutschland?
43. Gehört Christian Wulff zu Deutschland?
44. Mal aus Gefallen einen Anrufbeantworter besprochen?
45. Hängt bei Ihnen ein Özil-Trikot im Schrank?
46. Konnten Sie sich über den WM-Titel aufrichtig freuen?
47. Hat Thilo Sarrazin recht?
48. Ist Burnout eine Alternative?
49. Wird es nicht Zeit, dass Sie die Bild-Zeitung zum »Kult-Führer« ernennt?
50. Fühlen Sie sich im Ausland mißverstanden?
51. Sind Sie ein Querulant?
52. In welchem Film hätten Sie gerne einen Cameo-Auftritt gehabt?
53. Was lief schief in Stalingrad?
54. Enttäuscht, daß Ihnen die Veganer-Bewegung so wenig Tribut zahlt?
55. Das beste Hausmittel, um die Stimme zu schonen?
56. Werden Sie bei Paukenklängen sentimental?
57. Wer ist eigentlich schlimmer, Jonathan Meese oder Christoph Schlingensief?
58. Winifred - hot or not?
59. Sind Sie ein Reptilienmensch?
60. Sind Sie am Mangel so genannter »Softskills« gescheitert?
61. Ist Braun nicht bloß ein anderer Begriff für Rot-Grün?
62. Ein für alle Mal: Sind die Böhsen Onkelz nun rechts, oder nicht?
63. Mit Henryk M. Broder würden Sie aber doch einen Tee trinken?
64. Wann sind Sie mal so richtig zärtlich?
65. Müssen unsere Nationalspieler die Hymne mitsingen?
66. Vervollständigen Sie folgenden Satz: »Ich habe nichts gegen Ausländer, aber...«
67. Timur Vermes geht gar nicht. Da sind wir uns doch einig?
68. Hegen Sie noch einen Groll gegen die Japaner?
69. Riecht Göring nach billigem Rasierwasser?
70. Ist Bushido als Rapper überbewertet?
71. Was wollen Sie eigentlich?
72. Darf man noch »Neger« sagen?
73. Kitzelt der Bart beim Küssen?
74. Was ist eigentlich der größere Schmu, Feminismus oder Multikulti?
75. Mitleid mit dem »Stern«?
76. Der deutsche Junge ist heute weder flink wie ein Windhund, noch zäh wie Leder oder hart wie  
Kruppstahl. Und nu?
77. Hätten Sie sich das mit den Moslems auch getraut?
78. Der inspirierendste Teil Ihrer Arbeit?
79. Der größte Unterschied zwischen Ihnen und Roberto Blanco?
80. Haben Sie eine Problemzone?
81. Freuen Sie sich über das Coming-out Ihres Kollegen Ricky Martin?
82. Wen würden Sie mal wirklich gerne verprügeln?
83. Wäre Alkohol nicht die günstigere Alternative gewesen?
84. Manchmal ein schlechtes Gewissen?
85. Fürchten Sie sich vor Clowns?
86. Haben Sie den Satz »Wer nicht hören will, muss fühlen« etwas zu wörtlich genommen?
87. Schonmal was von Diversity-Management gehört?
88. Was kommt als Nächstes?

Montag, 8. Dezember 2014

Vom Glück

An der Ampel. Warten auf Grün. Im Augenwinkel fällt mir eine Frau schemenhaft ins Auge. Sie steht ein paar Reihen versetzt, ist mittleren Alters, kaum geschminkt, fahrlässig frisiert, ihre Kleidungsnote irgendwas zwischen C&A und Otto-Versand. Daß ich sie trotzdem nicht übersehe, sondern im Gegenteil kaum zu begaffen aufhören kann, liegt an dem simplen Umstand, daß diese Frau aufreizend glücklich dreinblickt. Vollwonniges Grinsen, beinahe ansteckend - und das an einer Ampel. Merkwürdig. Warum freut die sich so, grübel ich und entschließe, der Sache auf den Grund zu gehen. 
Die Ampel schaltet um, aber ich bleibe auf der Stelle stehen, und gehe erst los, als mich die Frau, die nur Doris heißen konnte, endlich passierte. Um einen Sicherheitsabstand oder ähnliche filmisch tradierte Verfolgungsfinessen bemühte ich mich kaum, sondern trat ihr einmal sogar beinahe in die Hacken. Bei jedem ihrer hektischen Schritte hüpfte ihr die blonde Dauerwelle im Nacken umher und schoß beim Aufsetzen stets einen Duftnebel in meine Richtung, dessen Geruch mir seltsam vertraut vorkam. Ich meine, das Parfum »Laura« wiederzuerkennen, ein typischer Präkariatsduft, Davidoffs »Cool Water« für Frauen quasi. Nadine Böttchers trug das Zeug bereits in der Orientierungsstufe auf, als sie mich noch mit ihren dicken Freundinnen in der Schulpause immer verprügelt hatte. Heute weiß ich, daß Nadine einfach nur unendlich scharf auf mich war und ihre Häßlichkeit, die jeden Komplex plausibilisierte, sie bloß davon abhielt, mir das auf eine andere Weise als mit fiesen Kniffen ins noch heranwachsende Geschlecht zu verklickern. Ich hoffe, daß Nadine inzwischen einen Alkoholbruder geheiratet hat und ihr bislang mindestens sieben Blagen durch die Musch gerutscht kamen; einzig in die Welt geschissen, um ihre Eltern noch an Asozialität zu übertrumpfen. Das wünsche ich Nadine, diesem Miststück. Doch noch bevor mir die Kopfwut die Wahrnehmung entscheidend verqualmen konnte, besinne ich mich rechtzeitig auf meine unsinnige Verfolgung zurück. 
Doris grient noch immer, das läßt sich sogar an ihrem Hinterkopf ablesen. Weiß sie etwas, das ich nicht weiß? Hat ihr etwa jemand soeben die Liebe gestanden? Hat sie im Lotto gewonnen? Ist sie katholisch? Wirre Fragen belagern meine Gedanken und nehmen bei jeder Nichtbeantwortung an Absonderlichkeit zu. Drogen wären ja mein erster Verdacht, wenn Doris nicht so bieder-bürgerlich ausschaute. Die will doch bloß provozieren, rede ich mir ein. Warum arretiert man sich sonst so ein Grinsen ins Gesicht? Will mir nicht reingehen. Sie schaut sich nur selten um und bewegt sich auffallend zielstrebig durch die Straßen. Gut, eine Erklärung lauert mir dann doch noch im Hinterkopf: Selbstmord. Aber mir scheint es unwahrscheinlich, daß Doris den Unwert ihrer Person und das damit einhergehende Erleichterungspotenzial, das ihr Ableben der Umwelt und Allgemeinheit zu stiften imstande wäre, realistisch einzuschätzen vermag.
Langsam beginne ich, Doris zu hassen. Bevor ich den Verstand verliere, entscheide ich mich, Doris mit ihrer expressiven Freude zu konfrontieren. »Tschuldigung, was ist so lustig?«, werde ich sie fragen. Das klingt weder verdächtig noch frech. An der nächsten Ampel werde ich zur Tat schreiten, sie muss ja schließlich erstmal stehen bleiben. So en passant geht nicht. Ein letztes Mal biegen wir gemeinsam um die Ecke, vorbei an einem Bettenlager erahne ich eine Ampel am Ende der Straße, die gerade noch Grün zeigt und auf Rot gesprungen sein dürfte, sobald wir auf Höhe sind. Je weiter wir uns dem Überweg nähern, desto mehr wundere ich mich über die Länge der jetzigen Grünphase. Nun werd' endlich Rot, murmele ich vor mir hin. Doris hat die Ampel offenbar ähnlich genau studiert, nutzt die Gelegenheit und erhöht die Schrittzahl plötzlich frappant. »Rot! Rot!«, will ich brüllen, doch beiße mir mit aller Verkniffenheit auf die Zunge. Und tatsächlich, die Ampel schaltet um. Puh. Erleichterung macht sich breit. Doch was ist das? Doris die dumme Sau setzt zum Sprint an und versucht die Straße noch vor den einbiegenden Autos zu überqueren! Bin ich aufgeflogen? So nicht, Fräulein! Beherzt renne auch ich noch gerade rechtzeitig rüber. Ein paar Autos hupen, aber das ist mir egal. Warte nur ab, du elende Sauerbüchse, jetzt bist du dran! »Ey«, brülle ich sie an, »lebensmüde?!« Nix. Keine Reaktion. Sie ignoriert mich! Abermals setze ich zur Verfolgung an, will gerade ihre Schulter greifen, sie rumreißen und zur Rede stellen, als sich Doris niederkniet, um ihre Schuhe zu binden. Mein Griff faßt ins Leere, ich stolper über Doris hinweg und lege mich reichlich unfiligran aufs Mett. 
Als ich wieder zu mir komme, schaue ich langsam auf, mitten in Doris' Gesicht. Sie grinst - unverändert. Es ist wie eingemeißelt. Als sie mir die Hand reicht, um aufzuhelfen, blicke ich auf ihre Schuhe und realisiere, daß Doris gar keine Schnürschuhe trägt, sondern solche mit Klettverschluß. Sie trägt sie im Kreuz geklettet. Eiskalt läuft es mir den Rücken runter. Mein Blick wandert weiter an ihr hoch, ihre Bluse hat sie sich auf links übergestreift, der Büstenhalter sitzt zwar - Gott sei Dank - an der richtigen Stelle, aber über der Bluse drüber. Eine Bahn zu Kruste getrockneter Rotze klebt ihr unter dem rechten Nasenloch. Die gelbgetönten Gläser ihrer Brille verdecken die toten Augen, ein Piercing, das einer Warze gleicht, durchbohrt die Oberlippe. Wenn ich richtig sehe, schwirren ihr da Fliegen aus dem Mund. »Grunzl...hmpfa'fstehen! Muahwa!«, rülpst sie mir entgegen. Und da wurde mir klar: Es gibt kein Geheimnis um Doris. Es hatte nie eines gegeben. Doris war ganz einfach sehr, sehr dumm. Und deswegen grinste sie, die Glückliche.